Eine Feierstunde zur Rückkehr des „historischen“ Archivs

Am 7. Juni 2018 fand in der historischen „Trinkstube“ der Apotheke von Zieglauer in Bruneck eine Feierstunde aus Anlass der Rückführung des „älteren“ Teils des historischen Archivs vom Südtiroler Landesarchiv in das Stadtarchiv Bruneck statt. Bei dieser Gelegenheit wurden in einer Vitrine einige Zimelien ausgestellt, darunter das älteste Stück aus dem Statarchiv, eine Urkunde aus dem Jahr 1319.

Auf die Begrüßung durch den Bürgermeister Roland Griessmair folgend führte Stadtarchivar Andreas Oberhofer in die wechselhafte Geschichte der Stadt und ihres Archivs ein. Dieser Vortrag sei hier im Wortlaut wiedergegeben:

Am kommenden Samstag, dem 9. Juni, ist der Internationale Tag der Archive. Er erinnert an die Gründung des Internationalen Archivrats unter der Schirmherrschaft der Unesco im Jahr 1948. Die Gelegenheit, die uns heute hier hat zusammenkommen lassen, ist aber eine andere: Wir feiern die Rückkehr des historischen Archivs der Stadt Bruneck. Dazu haben wir uns in einem Raum getroffen, der geradezu als geronnene Geschichte der Stadt in der frühen Neuzeit interpretiert werden könnte. Die älteren Bestände des Stadtarchivs, die vor nunmehr fast einem Monat aus dem Südtiroler Landesarchiv in Bozen nach Bruneck transportiert wurden, dokumentieren die Zeit zwischen dem beginnenden 14. und der Mitte des 19. Jahrhunderts, also jene Epochen, welche die Stadt geprägt und definiert haben. Der Beginn der Schriftlichkeit fällt in etwa mit dem abgeschlossenen Ausbau der mittelalterlichen Kernstadt zusammen, die sich anschickte zu einem Zentrum von Verkehr, Handel und Handwerk im Pustertal zu werden – immer im Schatten der Burg, die über Jahrhunderte den Einfluss und zugleich auch den Schutz des Fürstbischofs von Brixen über seine Gründung symbolisierte. Bruneck war die Heimatstadt Michael Pachers, König Maximilian war ebenso zu Gast wie Erzherzogin Maria Theresia, in der Oberstadt siedelte sich der Adel an und mit den Kapuzinern und Ursulinen ließen sich Klostergemeinschaften nieder, die den städtischen Alltag bereicherten. Das Leben pulsierte im Städtchen an der Rienz und der Trubel mag in manchen Momenten mit heutigen Ferragosto- und anderen Einkaufsevents vergleichbar gewesen sein. In der Stadt waren Hühnergegacker, Kindergeschrei und Schweinegrunzen zu hören, Wagenräder und Hufgetrappel auf Pflastersteinen, Gesang und das Geläut der Glocken prägten die Akustik ansonsten relativ ruhiger Epochen, in denen die Erfindung des Verbrennungsmotors noch in weiter Ferne lag. Der Umgang des Nachwächters setzte dem geschäftigen Treiben jeden Abend ein Ende, die Stadttore wurden geschlossen, die Sperrstunden der Wirtshäuser, die streng kontrolliert wurden, taten ihr übriges, damit endgültig Ruhe einkehrte und bis zum Krähen der Hähne am Morgen und dem Glockenläuten zur Frühmesse nur das Rauschen der Rienz zu hören war.

Blick in das Archivdepot: Die Reihe der Rats- bzw. Stadtmagistrats- und Gemeindeausschuss-Protokolle ist wieder komplett. Foto: Stadtarchiv Bruneck.

Das historische Archiv spiegelt all das wieder und noch viel mehr, beim Lesen in den alten Papieren und Pergamenten ersteht die Welt des Mittelalters und der frühen Neuzeit wieder auf und nicht zuletzt auch die Welt und das Alltagsleben der Personen, die sich hier, in diesem Raum in diesem Haus im dritten Viertel der Stadt, mit ihren Wappen und Devisen verewigen haben lassen. „Ein Schbarz kue gibt wys[s] milch“ hat der Künstler an einer Stelle an die Wand gepinselt, „AMOR EST VERBVM PASSIVVM“ an eine andere. Wenn wir also glauben, dass wir die Menschen, die damals gelebt haben, verstehen können, dass wir ihnen durch das Studium ihrer Geschichte nahe kommen, so gibt es doch immer Dinge, die wir nicht verstehen, zu groß ist dann doch wieder der zeitliche Abstand von mehreren Jahrhunderten. Keinen Reim machen können wir uns auf vieles, wie es auch Jakob Jöchl durch seine Devise indirekt zugibt: „Jch hab kain Reim“. Wir malen uns aus, wie es war, gewesen sein könnte, und doch ist diese Welt von uns gleich weit entfernt wie ein fremder Planet, den wir nie betreten werden können. Das Archiv aber bietet wie auch dieser Raum die Möglichkeit, zumindest ganz nah dran zu sein an dem, was wir „früher“ oder „damals“ nennen. Es ist nicht eine verschwommene Ahnung, es ist authentisch, konkret und real, es besteht aus Papierblättern und Pergamenten, die mit Namen und Daten beschrieben sind, die wenig Zweifel zulassen, sofern man sie zu deuten vermag. Sie warten auf ihre Erforschung, auf ihre Bearbeitung, und genau deshalb hat sich die Stadtgemeinde bemüht, sie nach ca. 80 Jahren wieder nach Bruneck zu bringen, um sie in erster Linie den Bruneckerinnen und Bruneckern zum Studium und zum Erkennen ihrer Geschichtlichkeit und Geschichte zur Verfügung zu stellen.

Bruneck ist eine mittelalterliche Stadt, gegründet durch den Bischof als Bollwerk, als Festung, aber eben als Stadt und Gegenmodell zum benachbarten Markt St. Lorenzen, der niemals Stadt werden durfte. Bereits in der zusammenhängenden Verteidigungsanlage aus Stadtmauer, Wehrtürmen und Burg zeigt sich die mittelalterliche Konzipierung, aber auch in den aus Steinen gemauerten Kellern unter den Häuserzeilen der Stadtgasse, den Brunnen, den Kirchen, dem alten Spital, deren Gründung in das 14. oder gar 13. Jahrhundert zurückreicht. Durch die enge Stadtgasse, die als einzige unter den Südtiroler Städten keine Laubengänge aufweist, rollte ein großer Teil des Verkehrs zwischen den Handelsstädten im süddeutschen Raum und jenen an der Adria. Hier fluchte manch ein Fuhrmann, als er seine Waren am Ballplatz in der Unterstadt abladen, zur Beschau präsentieren und wieder aufladen musste. Ein Ritual, das sich an vielen anderen Orten an seiner Route wiederholte und sich mit der Zahlung von Zöllen abwechselte. Die Wirtschaft brummte in Bruneck, der Lorenzimarkt war ein fixer Bestandteil der Ereignisse im Jahreslauf, die auch die Menschen aus der Umgebung in die Stadt lockten, wo sie ihr mühsam Erspartes loswerden konnten. Der Bergbau im Ahrntal tat sein Übriges, Internationalität in das Pustertal zu bringen. Knappen, Verwalter und Hilfsarbeiter, die bisweilen auch „Lutherische“ sein konnten, kamen sogar aus Norddeutschland und den Niederlanden nach Prettau, um direkt am Berg ihr Glück zu versuchen, oder aber in der Kraffterischen Messinghütte in Stegen zu arbeiten, einer Manufaktur, die zeitweilig bis zu 80 Männer beschäftigte. Das alles wissen wir, weil es aufgeschrieben wurde, weil es Teil des Archivs geworden ist. Wäre es nicht aufgeschrieben worden, wäre es längst vergessen. Ein Archiv ist das Gedächtnis der Stadt, der Talschaft, der Region, des Landes.

Wenn wir von der „Trinkstube“ aus über die Stadtgasse gehen, stehen wir vor zwei ehemaligen Rathäusern, in denen die Schriftlichkeit zum Großteil entstanden ist. Das erste war bis 1564 Gerichts- und Rathaus, das zweite diente bis 1799 bzw. 1802 als Rathaus. In unmittelbarer Nähe des Amtshauses des bischöflichen Stadthauptmannes und des Amtshauses des Klosters Neustift wurden Beschlüsse protokolliert, Bittschriften gelesen, Urteile gesprochen und Bürgerrechte verliehen. Dass einige der Ratsherrn nach den Ratssitzungen in unsere Richtung über die Straße gekommen sind, um im Wirtshaus an der Lucken, das etwa zehn Meter von hier entfernt direkt an das Florianitor anschloss, oder in einem anderen der Brunecker Gasthäuser mit anderen Amtsleuten, Gerichts- und Stadtdienern, der Geistlichkeit, den Schulhaltern oder aber mit dem gemeinen Volk einen oder zwei Becher zu leeren, darf angenommen werden. Der eine oder andere hat seinen Weg auch in diese Stube gefunden, wo sich eine elitäre Schicht von Stadtbürgertum, städtischem und ländlichem Adel traf, um nicht nur einzelne Becher, sondern mitunter auch ganze Fässer zu leeren, wie uns das Wappen des Jörg Grinbald bzw. Grünwald recht anschaulich vor Augen führt.

Wappen des Jörg Grinbald (Grünwald) in der „Trinkstube“. Foto: Nadia Pichler.

In diesem Raum finden wir die Momentaufnahme einer Runde von Männern festgehalten, die sich im Jahr 1526 oder später verewigt hat, um Geschlossenheit und Zusammengehörigkeit zum Ausdruck zu bringen. Wir können die Anwesenheit gerade jener Menschen im Dienst der Stadt, des Fürstbischofs von Brixen oder des Landesfürsten spüren, die Schriftlichkeit produziert haben, eben die Schriftlichkeit, die sorgfältig in Archivräumen – seien es Keller, Gewölbe, Dachböden oder eigens gebaute feuersichere Räume – verwahrt wurde, aufgrund dieser Sorgfalt erhalten geblieben ist und mitunter Einblick in die Geschichte der Stadt Bruneck vor nicht weniger als 700 Jahren bietet. Sie legten Wert darauf, dass alles seine Ordnung hatte, dass jede Lade die richtigen Dokumente enthielt, dass Hochwasser und Feuergefahr dem im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten entstehenden Archiv keinen Schaden zufügen konnten, dass Ratten, Mäuse, Würmer und anderes Getier, das sich mitunter auch von Pergament und Papier ernährt, möglichst wenig Chancen hatte, das Archiv zu fressen. Sie legten Wert darauf, dass Schriftlichkeit auch schön sein sollte, dass in einer ansprechenden Gestaltung zum Ausdruck kommen sollte, dass es sich um Wertvolles und Einzigartiges handelt.

Kalligraphisch gestalteter Einband eines Urbars von Stadtspital, Spitalkirche zum Heiligen Geist und Liebfrauenkirche in Bruneck, 1625. Foto: Stadtarchiv Bruneck.

Wie sich die in diesem Raum Erwähnten bildlich verewigt wissen wollten, legten sie nicht zuletzt auch Wert darauf, dass sie in Wort und Schrift ihre Spuren hinterlassen und nicht vergessen werden würden. Im Ratsprotokoll von 1530-1535 hinterließ der Schreiber den demütigen Spruch: „Spero dum spiro. Mea spes est unica Christus. Cui me conmendo, dedico, subjicio“. Allein das Vorhandensein dieses Leitsatzes und des in Erscheinung tretenden Schreibers spricht für das neue selbstbewusste Menschenbild des Humanismus. Auch Johann Tinkhauser schrieb in seinen Anfang des 19. Jahrhunderts entstandenen Manuskripten zwar immer Gott Ehre und Lob zu („Laus Deo Semper“), vergaß aber dabei nicht, auch seine eigenen Leistungen zu loben und sich gewissermaßen in das kollektive Gedächtnis der Stadt einzuschreiben. Nicht nur in einem Protokollbuch des Stadtrates hat er sich prominent verewigt: „Durchlesen im Januar 1823. Johann Tinkhauser derzeit Bürgermeister“. „Vergis mein nit“ war die Devise des Hanns von Rost, „Vive memor nostri“ deuten wohl die drei Buchstaben „V.M.N.“ an, die Jochum Kraus über sein Wappen in der „Trinkstube“ malen ließ. Es ist geradezu eine Urangst des Menschen, in der Masse zu versinken und vergessen zu werden.

Noch eine Parallele zwischen dieser „Trinkstube“ und der städtischen Schriftlichkeit fällt auf: Wie die Gruppe, die sich hier offenbar traf, klein und elitär war, wie auch der Raum „klein aber fein“ ist, war es auch eine kleine und feine Gruppe, die bis weit in das 19. Jahrhundert hinein Anteil an der Schriftlichkeit hatte. Bildung war, auch wenn Bruneck über eine deutsche und lateinische Schule verfügte, ein elitäres Gut, das sich auf Adel und Geistlichkeit und zunehmend auch auf das Bürgertum beschränkte. Inwohner/innen und Ingehäusen, arme Handwerker und Vagierende, aber auch die große Menge der in der Landwirtschaft arbeitenden Bauern, Dienstbotinnen und Dienstboten hatten wie zu dieser Stube auch zur Schriftlichkeit keinen Zugang. Dennoch gibt das Stadtarchiv auch über sie Auskunft. Sie konnten zwar nicht schreiben, es wurde aber über sie geschrieben, vor allem dann, wenn es darum ging, von ihrer Arbeits- und Wirtschaftsleistung zu profitieren, Steuern und andere Abgaben einzuheben oder sie für den Kriegsdienst zu verpflichten. In dieser Hinsicht bietet das Archiv einen großen Mehrwert gegenüber einem elitären Bildprogramm, wie wir es hier vorfinden: im Gegensatz zur „Trinkstube“, die nur eine gehobene Klasse wiederspiegelt, die stolz ihre Wappen zur Schau stellte und sich durch die Exklusivität ihres Zirkels in sozialer Hinsicht nach unten und vielleicht in räumlicher Hinsicht nach außen – zur Stadtgasse hin – abgrenzen wollte, finden im Archiv auch die sonst Stimm- und oft sogar Namenlosen Niederschlag, die vielleicht in der Stadtgasse am Boden saßen und um Almosen bettelten.

Das städtische Archiv wurde in Bruneck – gemeinsam mit der gesamten Verwaltung – immer wieder übersiedelt; in der Stadt gab es bis heute nicht weniger als sieben Rathäuser, die mal länger, mal weniger lang genutzt wurden. Aus dem Strehle- oder Meusburgerhaus wurde die Kanzlei samt Registratur in das Waibl- oder Harrasserhaus gebracht, danach in das Schönhuberhaus, danach in das ehemalige Amtshaus des Klosters Neustift, das heute Sitz der Universität ist. Wir kreisen – innerhalb der mittelalterlichen Kernstadt – um unsere „Trinkstube“. Interessierten standen die städtischen Schriften zumindest ab dem 19. Jahrhundert zum Studium zur Verfügung. Johann Tinkhauser hat, wie bereits erwähnt, die Ratsprotokolle gelesen und sich entsprechend in den Büchern, deren Bindung vielleicht auf seine Anregung zurückgeht, verewigt. Auch der Brunecker Heimatforscher und Jurist Paul Tschurtschenthaler (1874-1941) hat intensiv am und mit dem Stadtarchiv gearbeitet. Dieses befand sich zu seiner Zeit am neuzeitlich als Flaniermeile ausgebauten Graben, zunächst in der heutigen Mittelschule „Karl Meusburger“, danach ab 1933 im heute nicht mehr existierenden Gründerzeitbau, der ursprünglich als Sparkasse errichtet worden war, 1966 abgerissen wurde und an dessen Stelle heute die Banca di Trento e Bolzano steht. Beide Häuser strahlten wie auch das ehemalige Bezirksgericht mit dem dazugehörigen „Tschumpus“, dem ebenfalls abgerissenen Bezirksgefängnis, einen Hauch von kaiserlich-königlicher Wiener Gründerzeit, aber auch von Beamtengrantelei und Bürokratie aus.

Die Zerreißung des städtischen Archivs in zwei Teile war ein gravierender Einschnitt, der mit der Gründung des Staatsarchivs Bozen im Jahr 1921 als Sektion des Staatsarchivs Trient begann. 1930 wurde diese Staatsarchivsektion in den Rang eines eigenständigen Staatsarchivs erhoben, das im Schloss Maretsch untergebracht war. Im August 1940 kam der ältere Teil des Stadtarchivs Bruneck in das Staatsarchiv Bozen. Die relativ willkürliche Aufteilung des Archivbestandes geschah dabei – wie Christine Roilo vermutet – wohl in der Absicht, den „neueren“ Teil der Akten oder zumindest die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Bestandsgruppen vor Ort zu belassen, und einen „historischen“ Teil hingegen den Beständen des Staatsarchivs einzuverleiben.

In der Zeit der deutschen Zivilverwaltung – der sogenannten „Operationszone Alpenvorland“ – nach dem 8. September 1943 wurden die Bestände des Bozner Staatsarchiv auf verschiedene Orte in Südtirol verteilt, wobei die Brunecker Akten auf Schloss Bruneck gebracht, tatsächlich in der Burg aus den Transportkisten ausgepackt und auf aus dem Staatsarchiv mitgebrachten Regalen aufgestellt wurden. Nach Kriegsende aber wurden die Archivalien, die kurz Heimatluft geschnuppert hatten, samt den Regalen zurück nach Bozen gebracht. 1972 wurde das dortige Staatsarchiv geschlossen, 1973-1974 wurden die Bestände in eine Lagerhalle verlegt und erst 1986 konnte der Neubau in der Armando-Diaz-Straße bezogen werden, der seitdem die Landesbibliothek, das Südtiroler Landesarchiv und das Staatsarchiv Bozen beherbergt. Der Teilbestand Stadtarchiv Bruneck wurde 1986 aufgrund des Staatsgesetzes Nr. 118 vom 11. März 1972 vom Staats- an das Südtiroler Landesarchiv übergeben, wo er danach als Depositum verwahrt wurde.

Auch für den in Bruneck verbliebenen Teil des Stadtarchivs ging die Reise weiter, zuerst in das derzeit entkernte alte Rathaus im ehemaligen Hotel „Europa“ und von dort in das Gebäude der alten Feuerwehrhalle in der Galileo-Galilei-Straße, wo der Brunecker Historiker Hubert Stemberger (1921-2002), dessen Nachlass heute ein wichtiger Teil des Stadtarchivs ist, am Dachboden mit den städtischen Akten arbeiten konnte. Darauf wurde das Archiv in den Keller der Gemeindepolizei in der Lampistraße 2 übersiedelt. Die vorletzte Station war ein Depot im zweiten Untergeschoss des neuen Rathauses, das 2004 eröffnet wurde und wo sich das Zwischenarchiv heute noch befindet. 2013 konnte das historische Archiv, das heißt der Teil, der sich noch in Bruneck befand, in den Neubau „LibriKa“ übersiedelt werden, wo ein eigenes Depot samt Archivarsbüro eingerichtet worden war.

Im vergangenen Mai 2018 konnte auch der zweite Teil des Archivs, der in chronologischer Hinsicht eigentlich der erste ist, mit den jüngeren Beständen zusammengeführt werden. Das Archiv ist damit wieder komplett und reicht nunmehr in das ferne Jahr 1319 mit einer Urkunde zurück, die in der Vitrine ausgestellt ist. Sie bestätigt, dass Ulreich der Luesnaer und andere Chorherren des Kollegiatstifts von Unserfrau zu Brixen der Gesa von Säben einen Acker verleihen. Das Dokument hat mit Bruneck eigentlich gar nichts zu tun, aber das passt gut in die Überlieferung unserer Stadt, deren Gründungsjahr gar nicht so genau bekannt ist und deren Ersterwähnung im Jahr 1256 nicht im Stadtarchiv, sondern im Archiv des Stiftes Wilten zu finden ist. Das Pergament ist klein und unscheinbar, das Siegel ist verloren. Der Rücken der Urkunde weist eine Buchstaben- und Zahlenkombination aus dem 17. Jahrhundert auf, die uns Auskunft über ihre ursprüngliche Lagerung in einer Lade gibt, die wiederum Teil eines Archivmöbels war, das wohl verloren ist – vielleicht verheizt, verkauft, verschenkt oder umgebaut wurde. Vielleicht schlummert es aber doch noch in einem Keller oder auf einem Dachboden vor sich hin und wartet auf seine Wiederentdeckung – das wäre eine Sensation. Wir wissen, dass sich die Brunecker Stadtväter bereits im Jahr 1539 Gedanken über das Archiv machten. Die Ratsprotokolle informieren über eine Registratur der „brieflichen gerechtigkaiten“, die einige Jahre vorher angelegt worden war; die Urkunden waren in der Neukirche (der heutigen Ursulinenkirche) „in Trüchlein gelegt“ worden. Emil von Ottenthal konnte noch um 1900 feststellen: „Namentlich die Acten sind ganz wahllos theils in den mit Laden versehenen, theils in den mit Schubthüren versehenen Schrank vertheilt.“ Auch in dieser Zeit gab es also noch zumindest einen hölzernen Archivschrank.

Zum „historischen“ Teil des Stadtarchivs gehört auch die Reihe der Ratsprotokolle, von denen der älteste erhaltene Band die Jahre 1530 bis 1535 dokumentiert. Als erster Beschluss ist darin die Entscheidung des Stadtrates festgehalten, um eine Bestätigung der Freiheit der Stadt anzusuchen, in Taufers Käse, Schmalz, Korn und andere Viktualien kaufen zu können – in den wichtigsten Tagesordnungspunkten ging es über Jahrhunderte hinweg vor allem um die Subsistenz, die Versorgung mit Nahrung, um primäre Bedürfnisse also, die von der „Politik“ zu befriedigen waren.

Ratsprotokolle 1572-1582, S. 4. Foto: Stadtarchiv Bruneck.

Die hier gezeigte Seite aus dem sechsten Band hingegen zeigt einen Eintrag, der über die Entlohnung des „Deutschschulhalters“, also des Lehrers in der deutschen Schule, und dabei gleich über ein – wenn wir so wollen – Schulsystem im Jahr 1572 Auskunft gibt: „von ain Schuelkind so das ABC lernndt, jede Quatember 18 kr; […] von ainn khnab so anfacht das ABC zu schreiben 20 kr; so ainen brief schreibt ain Quatember 24 kr; Item so anfacht die Species zu raiten [die Grundrechenarten zu üben, Anm.] 40 kr.“ Ziel dieser schulischen Ausbildung, die Lesen, Schreiben und die Grundlagen des Rechnens vermittelte, war es, in den Kaufmannstand einzutreten.

Im Band von 1854 ist eine kolorierte Zeichnung eingebunden, die den Grundriss des Ziegelschlages von Karl Neuhauser hinter dem Schloss zeigt, der sich dort befand, wo heute ein Parkplatz ist. Hierbei handelt es sich um eine der im älteren Archiv relativ seltenen bildlichen Quellen.

Supplik an den Stadtrat von Eva, Agnes und Barbara (der Stiflerischen Witwe und ihrer Töchter), 1710. Foto: Stadtarchiv Bruneck.

Zum „älteren“ Bestand des Stadtarchivs gehören weiters die Bittschriften an den Stadtrat, die das gesamte 17. und 18. Jahrhundert betreffen und die Stimme der „kleinen Leute“ hörbar machen, die um finanzielle oder andere Unterstützung ansuchten. Eva, Agnes und Barbara, die Stiflerische Witwe und ihre Töchter, bedankten sich im Dezember 1710 für Gnaden und Guttaten, die nur der Himmel vergelten könne. Die Witwe sei alt und „baufällig“, alle drei hätten kein Einkommen und sie ersuchen deshalb um etwas Geld für den Ankauf von Holz und die Bezahlung des Herbergzinses. Der „Khamplmacher“ Simon Galtenstainer befand sich, so brachte ein Schreiber für ihn zu Papier, in einem „Ellend betriebten standt“ und bat aufgrund seines Alter, seiner Armut und abnehmenden Sehkraft, wegen der er nicht mehr arbeiten konnte, im März 1710 um eine Unterstützung für die „khalte[r] Winterszeit“. Die Witwe und ihre Töchter erhielten zwei Gulden, der „Khamplmacher“ ein halbes Star Weizen und ein halbes Star Roggen zugewiesen. Letzterer hatte – wie wir annehmen können – keinen Besitz in Bruneck, auch über das Bürgerrecht verfügte er wohl nicht, er war ein Inwohner oder Ingehäuse, vielleicht ein reisender Handwerker. Das Meldeamt mit seinen Fremdenmeldebüchern ist – wie auch die staatliche Sozialfürsorge – eine Einrichtung aus viel späterer Zeit.

Grundriss des Ziegelschlages hinter dem Brunecker Schlossberg, eingebunden in die Magistratsprotokolle des Jahres 1854. Foto: Stadtarchiv Bruneck.

Das historische Archiv bietet auch Einblick in die Rechnungslegung der Stadt, ihrer Bruderschaften, der Pfarrkirche, des Stadtspitals, und lädt zu einem virtuellen Rundgang über den Lorenzimarkt in einem der Jahre zwischen 1546 und 1798 ein – wir erfahren, wer, wann, in welchem Umfang und vielleicht sogar zu welchen Preisen seine Waren anbot. Das Archiv der Familie Tinkhauser steht dicht an dicht mit den Merkwirdigkeiten von Brunegg von Jahr 1723 bis 1743 des Stadtschreibers und Chronisten Johann Josef von Tschusy (1665-1744), der 1738 den Besuch der Erzherzogin Maria Theresia samt Mann, Hofstaat, Personal, Küche und Keller in Bruneck dokumentierte. Für eine Nacht räumten Adel und Bürgerschaft alle Räume frei, die sich zur Unterbringung des hochherrschaftlichen Besuchs und seiner Entourage eigneten.

Nicht zuletzt umfasst das Archiv 18 Faszikel, in denen sogenannte „Miszellen“ zusammengebunden sind, Dokumente quer durch die Epochen und den thematischen Gemüsegarten, die noch kaum bekannt geschweige denn erforscht sind.

Mit der Rückführung des historischen Archivs ist ein lange gehegter Wunsch der Stadtgemeinde Bruneck, ihres Historischen Beirats und vieler Bruneckerinnen und Brunecker in Erfüllung gegangen. Die Bemühungen um eine Rückbringung des „alten“ Archivs reichen in die Zeit vor der Jahrtausendwende zurück und es gab immer engagierte Bürgerinnen und Bürger, die sich für eine Zusammenführung und Rekonstruktion des Stadtarchivs einsetzten. Seit dem 16. Mai 2018 – dieses Datum wird selbst in die Stadtgeschichte eingehen – steht nun das gesamte historische Archiv für eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Geschichte der Stadt bzw. Stadtgemeinde sowie der Region des mittleren Pustertals vor Ort zur Verfügung. Mit der Schaffung der nötigen Infrastruktur und einer Archivarsstelle hat die Stadtgemeinde die notwendigen Bedingungen dafür erfüllt und durch das Entgegenkommen und Engagement des Südtiroler Landesarchivs wurde das große Ziel erreicht.

Die Rückbringung des historischen Archivs nach Bruneck ist aber keineswegs als Ende, sondern als Anfang, als Meilenstein auf dem weiteren Weg zu sehen, den wir hier und heute feiern. Um es mit dem eigentlich viel zu oft zitierten Leitsatz humanistischer Forschung zu sagen: „Ad fontes“, „Zu den Quellen!“. Sie, die Quellen, stehen wie in der „Trinkstube“ auch im Stadtarchiv zur Verfügung und warten auf ihre Entdeckung.


Referenzen:

  • Philipp Egger, Die Trinkstube in Bruneck im Haus der Apotheke von Zieglauer. Ein Kulturbild aus dem frühen 16. Jahrhundert, Bruneck 1998.
  • „Bruneck“, in: Emil von Ottenthal / Oswald Redlich, Archiv-Berichte aus Tirol, III. Band, Wien/Leipzig 1903, S. 190-224.
  • Christine Roilo, Das Brunecker Stadtarchiv und seine Bestände, in: Stefan Lechner (Hg.), Der lange Weg in die Moderne. Geschichte der Stadt Bruneck 1800-2006, Innsbruck 2006, S. 395-420.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Stadtgeschichte, Veranstaltungen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.