„Ausser der schönen Gegend hat man hier ja gar nichts.“

Diesen Satz schrieb Helene Noltsch auf eine Postkarte, die am 15. Juli 1908 von Bru­neck aus nach Steyr in Oberöster­re­ich abgeschickt wurde. Als Bild­mo­tiv zeigt die Karte eine Zusam­men­schau von Veduten der Stadt aus ver­schiede­nen Blick­winkeln, aber auch einzelne Gebäude wie Schloss Bru­neck und die Lam­prechts­burg.

Der Text auf dieser Ansicht­skarte gibt Auskun­ft über die Per­spek­tive ein­er Frau, die offen­bar nicht aus Tirol stammte, auf ihr neues Umfeld:

“Auss­er der schö­nen Gegend hat man hier ja gar nichts, jet­zt kann man wenig­stens spazieren gehen, aber was im Win­ter! Die Wege sollen nicht gang­bar sein, das wird sehr nett wer­den!”

Die Karte wurde am 15. Juli geschrieben, der als bedrohlich emp­fun­dene Win­ter war noch fern. Da die Absenderin diesen wohl eben­falls in Bru­neck erleben würde, wie aus dem Text indi­rekt her­vorge­ht, war sie ver­mut­lich keine Touristin. Aus dem kurzen Text erfahren wir jeden­falls nichts über den Grund ihres Aufen­thaltes.

In der Vit­rine des Stadtarchivs im 4. Stock der Lib­ri­Ka in Bru­neck ist derzeit das Orig­i­nal dieser Karte zu sehen. Daneben wer­den weit­ere Ansicht­skarten aus Bru­neck aus der­sel­ben Epoche gezeigt, auf denen die Stadt mit ihrer umgeben­den Land­schaft zu sehen ist. Fotografen set­zten Bru­neck im Sinne der Wer­bung für den Frem­den­verkehr gekon­nt ins rechte Licht und stell­ten Karten her, die entwed­er schwarzweiß oder col­o­ri­ert sind und — wie im konkreten Fall — auch mehrere Motive gle­ichzeit­ig zeigen.

Bru­neck wird auf diesen kleinen Kunst­werken (die Größe beträgt in den meis­ten Fällen nicht mehr als 9 x 14 cm) als kleine und beschauliche, aber auch his­torische Stadt inmit­ten ein­er spek­takulären “schö­nen Gegend” gezeigt, in der es für Reisende sowohl die ver­schiede­nen Eck­en des Ortes selb­st als auch seine Umge­bung zu ent­deck­en galt. Die Land­schaft war bere­its damals der wesentliche Pull-Fak­tor für einen aufk­om­menden Touris­mus, der seit dem Bau der Puster­tal­bahn stetig zunahm und flo­ri­erte. Selb­st wenn Helene Noltsch nicht zur Som­mer­frische nach Bru­neck gereist war und der Prov­inz offen­bar wenig abgewin­nen kon­nte, beein­druck­te sie immer­hin die sie umgebende Natur. Durch diese kon­nte sie auf vie­len Wegen wan­dern, die seit den 1870er Jahren angelegt und gepflegt wur­den, um “Zugereis­ten” wie ihr die “schöne Gegend” zu erschließen und sie dafür zu entschädi­gen, dass es son­st “ja gar nichts” gab.

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