Der jährlich im Oktober stattfindende Stegener Markt, ein dreitägiger Vieh- und Krämermarkt in Stegen in der Nähe von Bruneck, wird in der wissenschaftlichen und populären Literatur oftmals auf “uralte” Wurzeln zurückgeführt, wobei eine Kontinuität bis in das Hochmittelalter postuliert wird, für die es aber keine handfesten Belege gibt. Immerhin wird der Markt im “Tiroler Landreim” von 1558 erwähnt. In einem Tauferer Urbar von 1452 scheint die “Steger Kirchweih” als Zinstermin auf und in einer Jahrtagstiftung aus St. Lorenzen aus dem Jahr 1398 wird der “Steger Markt” ausdrücklich als solcher bezeichnet.
Eine Durchsicht der Protokolle des Stadtrates von Bruneck fördert neue Belege für das hohe Alter des Stegener Marktes zutage wie etwa eine frühe Erwähnung aus dem Jahr 1573 (23. Oktober).

Der Text lautet:
Dieweill der Phleger zu Michelspurg sich ainer / Neurung mit den Würtn, so von alhie / hinab ziechn, gebraucht vnnd davon nit / absteen will, derhalben ist für guet an- / gesechen, das khain Würt hinab ziechen soll / vnnd dem Phleger khain Neurung oder Zinß / zuesagn oder bewilligen thue bei der Straff.
In ein modernes Deutsch übertragen bedeutet dies:
Da der Pfleger von St. Michaelsburg eine Neuerung für die Wirte, die von hier (Bruneck) hinunter (zum Markt) gehen wollen, anwenden will, erachten wir es als gut, dass kein Wirt hinuntergeht. Dem Pfleger soll weder Neuerung noch Zinszahlung zugesagt werden. Wer dagegen handelt, wird bestraft.
Es handelt sich somit um eine verwaltungstechnische Formalität, die hier beschrieben ist. Wichtiger ist aber der Hinweis, dass der Stegener Markt bereits im 16. Jahrhundert eindeutig belegbar ist. Auch ist der Verweis auf den Standort bemerkenswert: man ging “hinunter”, also auf den Marktplatz flussabwärts, in Richtung des Dorfes Stegen.
An anderer Stelle gibt es einen weiteren — früheren — Hinweis aus dem Jahr 1571 (29. Oktober): Hier ist vom Markt “anyezt Simon et Jude” die Rede. Auch in diesem Fall wird eine obrigkeitliche Maßnahme beschrieben, dass nämlich der Bürgermeister mehreren Personen verbot, “hinab aufn Marckht” zu ziehen. Auch in diesem Fall ist die Erwähnung des Marktes wichtiger als der Inhalt der Passage, handelte es sich beim Tag der Apostel Simon und Judas Thaddäus (28. Oktober) doch seit jeher um einen der festen Termine für den Stegener Markt, nämlich den letzten Tag, an dem der Feiertags- oder “Menschermarkt” abgehalten wurde.
Die Bauern des Pustertales und seiner Seitentäler nutzten den Stegener Markt, um das Sommervieh zu verkaufen, Wintervieh einzustellen, neues Getreide zu verkaufen oder zu kaufen und sich mit allerlei Waren zu versorgen. Es gab ein eigenes Maß, das “Stegener Star”, das allen anderen Lokalmaßen übergeordnet war; der Stegener Markt war zudem preisbildend.

Noch heute ist der Stegener Markt der größte des Pustertals. Menschen aus den Tälern (Gadertal, Ahrntal, oberes und unteres Pustertal), aber auch aus dem Eisacktal und Osttirol strömen hier zusammen. Es gibt Wanderschausteller, früher vergnügte man sich auch bei Kegelspielen und Scheibenschießen; die Kinder freuten sich über türkischen Honig, gebratene Kastanien und gebrannte Mandeln. Im Schnapsbrennen erfahrene Zillertalerinnen schlugen ihre Enzianbuden auf. Der Markt war zugleich ein großes Volksfest.
Die Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg wirkte sich ungünstig auf den Stegener Markt aus: die Zillertalerinnen blieben mit ihrem Enzian ebenso fern wie die Besucher aus Nord- und Osttirol, denen die Einreise erschwert wurde. Wichtig blieb der Markt dennoch, auch wenn er viel von seiner wirtschaftlichen Bedeutung eingebüßt hat.
Weiterführende Literatur:
Hans Grießmair: Zur Geschichte des Stegener Marktes, in: Karl-Theo Stammer, Stegener Markt. Drei Tage der Mittelpunkt des Lebens, Bonn/Bruneck 2002, S. 5–7.
Karl Theodor Hoeniger, Zur Geschichte des Stegener Marktes und zum Kaiserbesuch am 7. Juni 1027, in: Der Schlern, 23. Jg. (1949), S. 143–146.


