Paul-von-Sternbach-Straße 3, 3a: Ansitz Ragen, Ragenhaus

Grundbuch-Nr.: 5

Frühere Namen:

Mariatheresianischer Kataster: Herr Johann von Wenzl besitzt den Ansitz Ragen, einen Garten und ein Spatium.

Der Ursprung der Bezeichnung "Ragen" ist bis heute nicht geklärt, im Bereich des heutigen Stadtteils Oberragen ("Oberdorf") ist aber die Keimzelle der Stadt Bruneck zu suchen. Im 12. Jahrhundert gab es dort mehrere Mairhöfe, unter anderem einen Besitzer namens Alram, Mair an der Kirche. Bei seinem Geschlecht handelte es sich um Dienstleute des Brixner Bischofs, d.h. Ministeriale des Hochstiftes Brixen. Die Mair an der Kirche zu Ragen, später Kirchmair, sind von 1204 bis 1674 zuerst als Verwalter, dann als Brixner Lehensleute auf Ragen nachweisbar. Beim Ragenhaus handelte es sich um einen Küchenmaierhof, d.h. der jeweilige Besitzer hatte für die Tafel der Hofhaltung in Brixen zu sorgen.

Jakob (II.) Kirchmair war Ratsbürger und 1376 Kirchpropst der Liebfrauenkirche und des Spitals in Bruneck. Sein Sohn Simon (II.) Kirchmayr heiratete Barbara von Stuck, vielleicht eine Tochter des reichen Brunecker Bürgers Heinrich Stuck, der 1358 das Stadtspital gegründet hatte. Jakob (III.) Kirchmayr scheint 1450 als Bürgermeister der Stadt auf. Christian (I.) Kirchmayr wohnte um 1500 im Ragenhaus. Einer seiner Söhne, Georg (I.), war in der Zeit der Bauernaufstände Amtmann und Hofrichter des Augustiner Chorherrenstiftes Neustift.

1556 wurde das Ragenhaus zum Ansitz erhoben, d.h. mit Adelsfreiheiten ausgestattet. 1558 wurden die Kirchmair in den Adelsstand erhoben. 1560 wurde ihnen die Burg samt Burgfrieden Lamprechtsburg zu adeligem Schildlehen verliehen, sie blieb bis 1645 in ihrem Besitz.

1674 verkauften Philipp Jakob Kirchmair und seine Frau Maria Monika von Kiepach den Ansitz Ragen an Stefan (III.) von Wenzl. Stefan war Kaufmann und brachte nach seiner Hochzeit mehrere Gebäude im Umkreis von Bruneck, aber auch darüber hinaus, in seinen Besitz. Sogar das Kupferbergwerk in Prettau übernahm er mit allen zugehörigen Gütern und Gebäuden von seinem Onkel Ludwig Perkhofer zu Taufers und Moos. Stefan führte nach seinen Erwerbungen den Titel "von Wenzl zu Kirchegg, Ragen und Getreuenstein"; 1664 wurde er in den Adelsstand erhoben. 1674 wurde das Haus Ragen von der Familie der Kirchmair an die Wenzl übergeben, Stephan Wenzl baute es aus und gab ihm die heutige Form im Renaissancestil.

1808 wurde der luteigene Ansitz Ragen versteigert und ging von Josef Balthasar Leopold von Wenzl zu Mauren in den Besitz des Josef Alexander Freiherrn von Sternbach über. 1820 wurde das Gebäude restauriert, 1850 wurden die fünf Söhne des Christoph von Klebelsberg Besitzer. Christoph, der mit seiner Familie im Ansitz Teissegg wohnte, hatte einige Räume des Ragenhauses an das Kreisamt vermietet, das 1815 dort sein Amt eröffnet hatte. Dr. Karl von Klebelsberg, ältester Sohn des Christoph, wurde 1850 Alleineigentümer, und von 1850 bis 1854 amtierte er als Bürgermeister von Bruneck.

Karl von Klebelsberg verkaufte 1851 den Ansitz an die Stadtgemeinde Bruneck zur Unterbringung der Ortsschule und der Kleinkinderwartanstalt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Ragenhaus als "Schulhauskaserne" benutzt, aber auch sozial minderbemittelten Mietern als Unterkunft zur Verfügung gestellt. Im Grundbuch scheint das Gebäude als "Schulhauskaserne" auf.

Ab 1982 wurde das Ragenhaus restauriert und als Standort der Musikschule adaptiert, 2016/17 folgte eine neuerliche Sanierung und Restaurierung.

Bemerkungen:

Das Gebäude ist denkmalgeschützt (externer Link zum Monumentbrowser der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol).

Literatur:

Claudia Plaikner, Die Ansitze im Raum Bruneck, Diss. phil., Innsbruck 1994, Band I, S. 107-135. Anton Sitzmann, Häuserbuch der Altstadt Bruneck (1780-1964), Diss. phil., Band II, Innsbruck 1965, S. 381f. Hubert Stemberger, Die ältesten Häuser der Stadt, in: Pustertaler Zeitung, 2. Jg., Nr. 5, S. 19, und Nr. 6, S. 31.

Helmut Stampfer, Ragenhaus - Bruneck/Casa Ragen - Brunico, in: Patrimonio architettonico in Tirolo, Alto Adige e Trentino. Restauri recenti/Baudenkmäler in Tirol, Südtirol und im Trentino. Restaurierungen der letzten Jahre. Museum für moderne Kunst Bozen/Museo d'arte moderna Bolzano 22.9.-10.10.1988, Bozen 1988, 103-107.