Stadtgasse

Herkunft/Erklärung/historische Belege:

"Stadtgasse" ist der historische Name eines ganzen Stadtteiles von Bruneck.

Die Stadtgasse liegt zu Füßen der Burg und war die ehemals einzige Gasse der Stadt, die nur eine kurze Abzweigung zum Florianitor hatte und an der Innenseite der Stadtmauer später von der Hintergasse begleitet wurde. Die Häuserzeilen rechts und links der Gasse waren vermutlich bereits um 1250, zeitgleich mit dem Baubeginn der Burg, angelegt worden. Die Gasse führte in einem weiten Halbkreis um den Schlossberg herum und passte sich gleichzeitig dem Verlauf der alten Handelsstraße Augsburg-Venedig an, die bereits vorher am Fuße des Schlossberges entlang verlief. Im Vergleich zu anderen mittelalterlichen Straßen war sie sehr breit angelegt, verengt sich jedoch nach Osten hin und wird im letzten Viertel durch den Verlauf der Rienz sehr nahe an den Schlossberg herangedrängt. Eine weitere Besonderheit ist, dass die Stadtkasse keine Lauben hat, wie sie sonst häufig in Südtiroler Städten und Märkten zu finden sind.

Erst 1846 wurde die Reichsstraße im Zuge der Neuanlegung der Pustertaler Straße von der Stadtgasse auf den mittlerweile zugeschütteten Graben verlegt, der Fernverkehr wurde von nun an am Stadtzentrum vorbei geführt. Allmählich reduzierte sich auch der Viehbestand im Stadtkern. Während es im 19. Jahrhundert noch viele land- und viehwirtschaftlich genutzte Gebäude in der Stadtgasse gegeben hatte, wurde der Viehhaltung gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein Riegel vorgeschoben, indem kurz nacheinander die Sanitätsbehörde und der Tiroler Landesausschuss die Entfernung von Schweineställen aus den Stadthäusern verfügten. Gegen 1911 wurden wohl die letzten Ställe aus dem unmittelbaren Stadtzentrum der Stadt Bruneck entfernt.

Die Stadtgasse ist durch die vier Stadttore begrenzt und von einer Stadtmauer umringt. An der Westseite wird sie vom Ursulinentor abgeschlossen. Innerhalb des Tores führt südlich die Raingasse zur Rainkirche und zum Schloss, während im Norden der ehemalige Haupteingang des Ursulinenklosters und die hohe Mauer des Klostergartens bis zur Abzweigung in die Hintergasse führen. Vor der Errichtung des Klosters befand sich hier der Ballplatz, der einzige größere Platz der Stadt, mit dem Ballhaus, einem Lagerhaus, in dem die Waren der durchziehenden Händler gelagert wurden, der Ballwaage, auf der die Waren zur Verzollung abgewogen werden mussten, und dem Haus "Hohenzorn", dem ersten bischöflichen Amtshaus der Stadt, das vermutlich auch einige Jahre als Rathaus diente. Diese Gebäude wurden für den Bau des Klosters abgebrochen.

Nach der Abzweigung zur Hintergasse folgt das einstige Amtshaus des Klosters Neustift, in dessen rückwärtigem Teil sich ein Kornkasten befand. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es als k.k. Rentamt, dann für etwa 30 Jahre als Magistratsgebäude verwendet, bevor es Kaserne wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg war es Wohnhaus, dann Sitz und Werkstätte des Städtischen Elektrizitäts- und Wasserwerkes Bruneck, bis nach einer gründlichen Restaurierung in den Obergeschossen das Realgymnasium Bruneck und im Parterre die Stadtbibliothek untertegracht wurden. Heute befindet sich in dem Gebäude eine Außenstelle der Freien Universität Bozen.

Weitere interessante Gebäude auf der linken Seite der unteren Stadtgasse sind das ehemalige Haus der Familie Engelmohr (Mor) mit einem Fries europäischer Wappen, weiters ein gotischer Bau aus dem 16. Jahrhundert mit fialenförmigen Pfeilern und an der Ecke zur Florianigasse das Gebäude der Stadtapotheke, in dem sich eine Trinkstube aus dem 16. Jahrhundert befindet. Auf der rechten Seite der unteren Stadtgasse befinden sich mehrere alte Bürgerhäuser, die noch die alte ursprüngliche Form mit kleinen Giebeln oder Aufmauerungen, gekrönt von Zinnen, haben. An den Häusern, die beim großen Brand von 1723 bis zum ersten Stock herunter abgebrannt sind, kann man noch Reste der früheren Bauweise sehen: vom ersten Stock an waren diese Häuser meist ganz aus Holz gebaut, die hölzernen Stockwerke ragten stark vor, sodass darunter noch ein kleiner Vorsprung, eine Mauerstütze, zu erkennen ist.

Eines der ersten alten Häuser rechts ist das Kirchbergerhaus, an dem noch das alte Gasthausschild hängt. Es war nach dem "Hohenzorn" bischöfliches Amtshaus und Sitz des Oberamtspflegers, der die bischöflichen Besitzungen verwaltete; hinter dem Haus befand sich ein Kornkasten und ein gewölbter Pferdestall. Nach dem Brand 1723 wurde das Gebäude gemeinsam mit zwei Nachbarhäusern an den Bierbrauer Johann Kirchberger verkauft, der eine Brauerei und später auch einen Gasthof errichtete. Hermann von Gilm wohnte von 1843 bis 1845 in diesem Haus. Hier befand sich der erste der drei Brunnen, die früher die Stadtgasse zierten und das Trinkwasser lieferten. Zwei Häuser weiter befindet sich das "Spießhaus", das von 1430 bis 1490 dem Maler und Bildhauer Friedrich Pacher gehörte. Weiters folgen das "Stoffelehaus", das mit schönen Erkern und einem offenen Balkon versehen ist, sowie das heutige "Gasserhaus", das fast genau gegenüber der Florianigasse liegt und früher das Gerichts- und Rathaus von Bruneck war. Es hat einen zweigeschossigen großen Erker auf stark vorragenden Steinen und eine sehr hohe Feuermauer. Im Jahr 1546 verkaufte die Stadt das Gebäude an Christoph von Welsberg, damit kam es in Privatbesitz. Hier wurde später der bekannte Naturforscher Karl Meusburger geboren.

Gleich daneben steht das Haus, das nach dem "Gasserhaus" Gerichtsgebäude wurde, was es bis 1799 war. Hier sieht man unterhalb der Zinnen noch die Rathausglocke. Vor dem Rathaus befand sich der Brunnen, der später in die Florianigasse verlegt wurde, und bis Ende des 19. Jahrhunderts auch der Pranger. Auf der linken Seite der mittleren Stadtgasse finden wir das "Michael-Pacher-Haus": im 15. Jahrhundert war es Wohnhaus und Werkstätte des großen Brunecker Bildhauers. Vor der starken Verengung der Stadtgasse steht links das so genannte "Paradeishäusl", das sich auf der Rückseite gegen die Rienz zu allerdings so stark verbreitert, dass es die normale Größe eines Hauses erhält. Es ist ein "exemptes" Haus, was bedeutet, das es ehemals nicht dem Stadtgericht, sondern dem Oberamtspfleger, der für die Besitzungen außerhalb der Stadt zuständig war, unterstand. Daraus lässt sich schließen, dass es schon vor der Erbauung der Stadt bestanden hatte. Hier wohnten einst die Herren zur Porth (a porta), was weiters auf ein Tor schließen lässt. Vor diesem Haus steht heute wieder ein Brunnen auf dem Platz, wo sich in früheren Zeiten der "Obere Brunnen" befand.In den ersten Jahrzehnten nach der Stadterbauung hat sicher die Landstraße durch das Pustertal hier am "Paradeishäusl" wieder aus der Stadt hinaus und über die Rienz geführt.

Nach dem noch vollständig erhaltenen Rienztor folgt die ehemalige "Fragsburg", die dem Tiroler Landesfürsten Sigmund dem Münzreichen (1439-1490) gehörte, der das Gebäude 1446 gegen ein Haus des Bischofs von Brixen in Innsbruck eintauschte. 1378 übergab der Bischof dieses Haus dem Richter Peter Paul Hahn zu Hahnberg, der es "Hahnburg" nannte, woraufhin auch das Rienztor kurzfristig "Hahntor" genannt wurde. Auch die Apotheke befand sich im 18. Jahrhundert in diesem Haus. Nun folgt das so genannte "Schulviertel": bereits im 14. Jahrhundert muss diese Verlängerung der Stadtgasse erfolgt sein, was durch die Datierung eines Freskos auf der Außenseite des Ragentores hervorgeht. Im letzten Haus rechter Hand vor dem Ragentor befand sich die deutsche Schule oder Vulgärschule, im Haus gegenüber die Lateinschule. Vor dem Ragentor, als Abschluss der Stadtgasse, befand sich der Pfeffergraben, der so hieß, weil hier zur Osterzeit das "Gemain Oblath" - Ochsenfleisch mit Pfeffer - an die Bevölkerung verteilt wurde.

In der Zeit des Faschismus hieß die Stadtgasse "Via Principe Umberto".

Quellen:

Stefan Lechner (Hg.), Der lange Weg in die Moderne. Geschichte der Stadt Bruneck 1800-2006, Innsbruck 2006. Hubert Stemberger, Bruneck und Umgebung (Südtiroler Gebietsführer 7), Bozen 1988.

Karte: